Das Bestiarium der Finanzwelt

Klassische Zeichnung von einer Gruppe von Tieren, die im Blog-Eintrag erwähnt werden. U.a. ein Einhorn, Bulle, Bär, ein schwarzer Schwan etc.

In einem Handelsblatt-Artikel zur Finanzpolitik wurde diese Woche folgende Frage gestellt: „Wo sind die Tauben?“ Wer mit dem Bestiarium der Finanzwelt nicht vertraut ist, wundert sich. Tauben sind schließlich fast überall zu sehen. Tatsächlich nutzt die Finanz- und Wirtschaftskommunikation viele Metaphern aus der Tierwelt, um Marktbedingungen, Verhaltensweisen von Akteuren oder Unternehmensarten bildhaft auf den Punkt zu bringen. Doch welches Tier steht wofür?

Fangen wir mit den bekanntesten an: Bulle und Bär. Der Ursprung liegt in der Art und Weise, wie die Tiere angreifen. Der Bulle greift an, indem er mit seinen Hörnern von unten nach oben stößt. Daher steht er an der Börse für steigende Kurse. Der Bär schlägt mit seinen Tatzen von oben nach unten. Daher ist er das Symbol für fallende Kurse.

Kommen wir zurück zu den Tauben. Als Tauben bezeichnet man Notenbanker, die für eine lockere Zinspolitik stehen. Sie treten für niedrige Leitzinsen und „billiges“ Geld ein, um die Wirtschaft in Schwung zu bringen. Billiges Geld deshalb, weil niedrige Zinsen es für Konsumenten und Unternehmen günstiger machen, Kredite aufzunehmen. Die Kehrseite: Das sorgt in der Regel für eine steigende Inflation. Deshalb fordern die Falken eine strenge Geldpolitik – also hohe Zinsen, die Kredite teurer machen, um die Preise stabil zu halten. Für sie ist Preisstabilität im Zweifel wichtiger als Wirtschaftswachstum.

Einhörner und Zebras finden sich in der Start-up-Szene. Einhörner sind Start-ups mit einer Marktbewertung von über einer Milliarde US-Dollar vor dem Börsengang und rasantem Wachstum. So wertvoll sind in der Regel nur etablierte Unternehmen, die schon sehr lange am Markt sind. Für ein privates Start-up dagegen ist eine so hohe Bewertung selten – so selten wie Einhörner. Zebras hingegen sind Start-ups, die langsam und nachhaltig wachsen wollen. Häufig streben sie auch einen gesellschaftlichen Mehrwert an.

Extrem selten sind auch Schwarze Schwäne. Sie sind das Symbol für extrem seltene, unvorhersehbare Ereignisse, die massive Auswirkungen auf die Wirtschaft haben. Beispiele sind die Finanzkrise 2008 oder die Covid-19-Pandemie. Bis in das 17. Jahrhundert kannte man in Europa nur weiße Schwäne. Bis eine Expedition die in Australien heimischen Schwarzen Schwäne entdeckte, galt ein schwarzer Schwan als ebenso unvorstellbar wie etwa eine Pandemie, die weltweit die Wirtschaft zum Erliegen bringt.

Bleiben wir im Wasser. Am Finanzmarkt tummeln sich auch viele Haie. Diese Metapher steht für aggressive Akteure, die Schwachstellen von Konkurrenten gnadenlos ausnutzen oder aber feindliche Übernahmen planen – so wie aktuell der Chef der Unicredit, der die feindliche Übernahme der Commerzbank anstrebt.

Der deutsche Begriff für „Cash Cows“, Melkkühe, hat sich im Sprachgebrauch nicht ganz durchgesetzt, der englische Begriff aber sehr wohl. Cash Cows sind etablierte Produkte oder Geschäftsbereiche eines Unternehmens, die einen hohen Marktanteil in einem reifen, kaum noch wachsenden Markt haben. Sie werfen kontinuierlich hohe Gewinne bei sehr geringem Investitionsbedarf ab – sie werden also „gemolken“, um andere, neuere Projekte zu finanzieren.

Mit der Finanzierung von weißen Elefanten sind allerdings auch Cash Cows überfordert. Der Begriff „weißer Elefant“ kommt aus Südostasien. Dort galten weiße Elefanten als heilig und außergewöhnlich selten. Sie waren daher ein Statussymbol. Die Haltung eines solchen Tieres war jedoch extrem kostspielig, der Nutzen, den es brachte, schwer messbar. Ähnlich ist es oft bei Großprojekten, die in der Anschaffung und vor allem im Unterhalt sehr teuer sind, aber kaum einen wirtschaftlichen Nutzen oder Ertrag bringen. Auch teure Übernahmen von Unternehmen, die sich als Verlustgeschäft erweisen, zählen dazu. Für den Pharmakonzern Bayer wurde Monsanto zum weißen Elefanten. Die Übernahme des US-Konzerns durch Bayer wurde zunächst an den Finanzmärkten gefeiert. Die Folgekosten durch eine Klagewelle gegen Monsanto in den USA belasten jedoch seither die Bayer-Bilanzen massiv mit operativen Verlusten.

Trotzdem – ein Fall für die Geier ist der Konzern nicht. Geier sind Hedgefonds oder Investoren, die sich auf distressed assets spezialisiert haben – also auf die Schulden von ohnehin schon tief in der Krise steckenden Unternehmen oder gar kurz vor dem Bankrott stehenden Staaten. Sie kaufen diese Papiere, in der Regel Anleihen, billig auf und klagen anschließend den vollen Wert ein.

Wenn ihr mehr zu den Fallbeispielen aus dem Blog wissen möchtet – wir haben euch die Artikel dazu unter den Quellen verlinkt.

 

Bildnachweis: Gemini AI
 

Quellen

Handelsblatt, 03.06.2026, S. 4 - 5: „Notenbanker im Krisenmodus“. 

Zeit, 23.05.2026: „Bayer und Monsanto: Der teuerste Fehlkauf der Geschichte.“ https://www.zeit.de/2026/23/bayer-monsanto-uebernahme-glyphosat-klagen (kostenpflichtig)

Capital, 16.03.2026: „Unicredit-Chef Andrea Orcel: Der „Hai der Finanzwelt“ macht Ernst“. https://www.capital.de/geld-versicherungen/unicredit-chef-orcel--macht-er-die-commerzbank-uebernahme-klar--35067678.html

Market Place, Okt. 2020: „Why we use animals to describe what’s going on with the stock market or economy“. Why we use animals like bulls and bears to describe markets - Marketplace

 

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